Sabine Huber
Veronika Nadler
Max Billing

Interview mit Sabine Huber

Auszug aus einem Interview von Laura Rüppel aus “Die Zeitung des BLSV”, Nr.12 vom 21.März 2006

“Das eigene Glück weitergeben”

Vom 6. August 2005 bis 31. Januar 2006 absolvierte Sabine Huber (21) aus Steinhöring über die Bayerische Sportjugend ihren Freiwilligendienst in Uganda. Im folgenden Interview berichtet sie über ihre Erfahrungen:

Wieso hast du dich dazu entschieden, als freiwillige Helferin in Uganda zu
arbeiten?

Uganda war eher ein Zufall. Ich wollte, seit ich zwölf Jahre alt war, nach Mittelafrika und eigentlich in einem medizinischen Projekt mitarbeiten, um etwas von dem Glück, das ich hatte, in einem so reichen Land geboren zu sein, weiter zu geben. Ich habe zuerst bei “Ärzte ohne Grenzen” und “Worldvision” angefragt, die aber jeweils nur ausgebildete Leute nehmen. Eine Tauchlehrerin aus meinem Verein hat dann im “bayernsport” den Artikel einer ehemaligen Freiwilligen über deren Freiwilligendienst gefunden und ihn mir mit den Worten “Hier, du wolltest doch so was machen, bewirb dich doch mal da” gegeben. Das habe ich dann auch gemacht, und da die Bayerische Sportjugend mit Projekten in Uganda zusammenarbeitet, bin ich nach Uganda gegangen.
Wie sah dein neues Leben in Uganda aus und wie haben sich die Menschen dir gegenüber verhalten?
Die Ugander sind fast alle sehr hilfsbereit und freundlich, und genauso liebevoll und gastfreundlich bin ich auch überall aufgenommen worden. Das Leben dort fand ich nicht so unterschiedlich. Es läuft alles etwas einfacher und nicht so genau ab. Vor allem Pläne werden nie genau eingehalten, sondern dienen nur als Richtlinie. Auch Uhrzeiten werden meist nicht eingehalten. Man muss warten und sich darauf einlassen können, am Tag vorher noch nicht genau zu wissen, was man wann am nächsten Tag macht. Was nicht so funktioniert hat wie geplant, funktioniert eben anders, aber irgendwie geht’s schon. An was ich mich auch gewöhnen musste, war das Zusammenleben mit anderen Menschen auf engem Raum und dass ständig überall Musik läuft. An sich wäre das noch kein Problem, wenn man auch immer wieder Zeit für sich allein und Ruhe hätte. Es wird zwar akzeptiert, dass man ab und zu ein paar Minuten für sich braucht, aber davon hört die Dauerbeschallung noch nicht auf, da wirklich an allen Ecken und Enden Musik läuft. Das war für mich ein Problem, da ich jemand bin, der immer wieder mal absolute Ruhe braucht.
Du warst an zwei verschiedenen Projekten beteiligt, zeitweise im Strassenkindercamp Nsumba, zeitweise im Rainbow House of Hope. Wie lässt sich letzteres Projekt in deinen Worten beschreiben?
Das Rainbow House of Hope (RHU) ist ein Ort, zu dem die Kinder und Jugendlichen sehr gerne kommen, an dem sie sich geborgen und wohl fühlen. Hier können sie ihre Freizeit zum Beispiel mit Badminton, Volleyball, Schwimmen, Tanzen, Lesen, Mitwirken in der Blaskapelle, Anbau von Gemüse, Pflege von Hühnern, Projekte zur Umwelterziehung, gewaltlosem Miteinanderm Vorbeugung von Krankheiten (vor allem Aids) sinnvoll gestalten und sind nicht auf der Strasse. Die Jugendlichen werden dabei in die Projekte miteingebunden, lernen, Verantwortung zu übernehmen und bauen so ihr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein auf. Zusätzlich werden einige durch den, von einer ehemaligen Freiwilligen gegründeten “School Fee Fund” finanziell unterstützt, um das Schulgeld zahlen zu können und damit die Grundlage für eine eigene Zukunft zu erhalten.
Welche Aufgaben hast du dort übernommen?
Stofftaschenbedrucken als Beitrag zur Umwelterziehung – die Stofftaschen durften die Kinder behalten und können sie nun anstelle der weitverbreiteten Plastiktüten benutzen; Einführung von Volleyball, Schwimmen und Standardtanz.
Fiel es dir schwer, mit den Bedingungen vor Ort und der Armut der Kinder umzugehen?
Nein, die Menschen sind alle sehr offen und freundlich, und den Kindern in den Projekten ist ihre Armut nicht anzusehen. Im Gegenteil: die meisten sprühen vor Lebensfreude und Zukunftsplänen und haben verstanden, dass sie nun selbst daran arbeiten können, dass es ihnen besser geht. Daher bin ich auch nur selten um Geld, Essen oder Kleidung gefragt worden. Eine Situation ging mir allerdings sehr zu Herzen. Das war, als Susan, ein kleines Mädchen aus Nsumba, mich bat, ihr die Fotos meiner Familie zu zeigen. Es tat mir dann weh, auf das Bild zu deuten und ihr meine Mama zu zeigen, nachdem sie mir kurz zuvor erzählt hatte, dass ihre Mama gestorben und sie darüber sehr traurig sei.
Was waren deine schönsten Erlebnisse und Erfahrungen in Uganda?
Das Strahlen in den Augen der Kinder und deren Dankbarkeit und Freude. Toll war auch, dass ich mit in die Familien und auf Feiern genommen wurde, zum Beispiel Introduction (traditionelle Verlobungsfeier), Hochzeit und Abschlussfeier der Uni. Besonders schön war auch der Besuch bei einer alten Frau, die sich wahnsinnig über meine Anwesenheit freute und mir dann selbstangebaute Bananen und Mangos schenkte und als wir fuhren, unserem Auto nachwinkte, bis wir nicht mehr zu sehen waren.
Was hat der Freiwilligendienst dir persönlich gebracht?
Was er mir genau gebracht hat, wird sich wohl erst in der Zukunft herausstellen. Ich glaube, ich bin selbstbewusster geworden, da ich aufgrund meiner Hautfarbe und Andersartigkeit immer wieder direkt im Mittelpunkt stand und beobachtet wurde, was ich sonst nicht so sehr mag. Auch musste ich lernen, komplett für mich selbst zu sorgen und Entscheidungen zu treffen, ohne sofort Rücksprache mit vertrauten Personen halten zu können.
Wirst du auch nach deiner Rückkehr mit den Menschen in Uganda in Kontakt bleiben, sie weiterhin unterstützen?
Ja, ich werde auf alle Fälle Kontakt halten. Für das RHU wollen wir anfangen, Geld zu sammeln, um das Haus zu kaufen. Die Spendengelder können dann fast ausschliesslich für die Projekte der Kinder verwendet werden, weil keine Mietkosten zur Erhaltung des “Treffpunkts” mehr anfallen.
Was würdest du zukünftigen Freiwilligen mit auf den Weg geben?
Lass Dich überraschen, denn: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

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Erfahrungsbericht von Veronika Nadler

- die Ankunft in Uganda: eine neue Welt!
Auszug vom 28.August 2007 aus Veronikas Blog im Internet
http://myblog.de/ronjagoestouganda

Hallo!
...
Am nächsten Morgen flog ich dann mit Michael im Schlepptau, den ich glücklicherweise beim Check-In traf, nach Entebbe.
Schon im Flugzeug fiel mir auf, dass die Hautfarbe nun von Weiss nach Schwarz zunahm und ich oft neugierig angeguckt wurde.
Die Fahrt vom Flughafen nach Kampala war unglaublich beeindruckend: Uganda ist so grün! Überall wachsen Palmen und tropische
Pflanzen, die in den buntesten Farben blühen. Die meisten Strassen waren nicht
geteert, sondern rote, staubige und hügelige Wege auf denen sich Menschen mit Bananenstauden auf den Köpfen, zu dritt auf Boda-bodas(Mofas),
 in klapprigen Autos, aber auch einige Kühe, tummelten. Die Straßenränder waren gesäumt von kleinen Hütten in denen Obst und Gemüse verkauft
wurde- Ananas, Mangos, Bananen in verschiedenen Farben
und Groessen (gelbe große und kleine Babybananen, die ein sehr intensives Aroma haben, und grün Kochbananen,die man zu Brei kocht, was dann
Matoke genannt wird und sozusagen das Nationalgericht Ugandas ist), Avocados, Passionfrüchte, Kürbis und viele mir unbekannte Früchte.
Aber die Armut dieser Menschen ist unübersehbar. Im Stadtteil Nsambya, in dem das Rainbowhouse, meine Heimat für 5 Monate, steht,
wohnen die meisten Familien in winzigen Bretterbehausungen, tragen zerschlissene  dreckige Kleider und wissen nicht, ob sie am nächsten
Tag genug zu essen haben werden. Dieses Elend, wie ich es empfand, schockierte mich mehr als ich gedacht hatte. Mir war nicht klar,
dass das Rainbowhouse mitten in einem Slum steht! Nichtsdestotrotz wurde ich sehr herzlich von bestimmt 15 Kindern, die mich sofort umringten, empfangen.
Das Haus ist sehr einfach: es gibt ein Büro, einen Aufenthaltsraum, eine Miniküche, ein noch kleineres Badezimmer und drei Zimmer für die Freiwilligen und Mitglieder des RHU.
Ich schlafe nun mit 2 anderen jungen Frauen in einem Zimmer, Lisa aus Deutschland und Rose aus Uganda, die dort schon länger wohnt.
Nebenan wohnen 2 Freiwillige aus Deutschland und Polen, sehr lustige Jungs, und daneben 3 Jugendliche aus Uganda, Timothy, Kamya und Katumba.
Jetzt bin ich schon eine Woche hier und gewöhne mich langsam ein, trotzdem fällt es mir noch schwer allein in die Stadt zu fahren
(wegen dem unbeschreiblich chaotischen Verkehr), oder einzukaufen. Anfangs kam ich mir wie ein kleines Kind vor,
weil ich wegen jeder Kleinigkeit fragen musste (was kostet dieses?, wo finde ich jenes?, kann ich das gefahrlos alleine machen?).
Außerdem ist es gar nicht so einfach nur so rumzulaufen, da man sofort mit “mzungo! How are you?”-Rufen bombadiert wird und
jeder versucht dir irgendwas zu verkaufen. Mzungu heißt weiss und so werde ich hier auf der Strasse angesprochen, anfangs auch
von den Kindern - das war vielleicht ein Kampf, bis ich denen Veronika beigebracht habe! Aber inzwischen kenne ich auch ein paar Namen.
Das war nämlich ziemlich schwierig, da es so viele Kinder sind ( ca.30) und diese für mich zu Beginn alle gleich aussahen!


Veronika mit ihrer Tanzgruppe auf dem Rainbow-Gelände Mein Alltag beginnt gewöhnlich gegen 9 Uhr, da werde ich von Kindergeschrei und
trötenden Instrumenten der Brassband geweckt (am ersten Morgen übte Einer Tuba vor meinem Fenster). Dann gibt es Frühstück, wenn man Glück
hat, meistens Toast und Tee. Macht man einen Schritt nach draußen, hängen sofort 10 Kinder an dir, die mit dir spielen wollen, dir in die Haare fassen und
Experimente mit deiner Haut anstellen (Druckstellen werden weiss - manche versuchen also Muster auf deine Gliedmaßen zu malen, oder staunen über
Muttermale, Sommersprossen, Kratzer oder blaue Flecken). So geht’s dann weiter bis abends gegen 7 Uhr , wenn die kids nach Hause gehen müssen,
da wird’s dann nämlich schon dunkel. Sicherlich ist der Umgang mit den Kindern anstrengend, da dazu auch noch die Sprachbarriere kommt. Schon einige
Male fühlte ich mich einfach nicht ernst genommen, Volunteers scheinen hier eh so was wie “Entertainer without rights” zu sein – etwas überspitzt gesagt.
Viele kennen auch kein Vokabular wie "bitte" oder "danke" und versuchen dich um Geld oder Süßigkeiten anzubetteln. Irgendwo versuche ich dafür auch
Verständnis zu haben, da das RHU ja gerade für sozial vernachlässigte Kinder da ist. Aber nichtsdestotrotz mag ich es sehr mit den Kindern zusammen zu
spielen, zu malen, zu basteln, Bücher oder Zeitschriften anzuschauen (sie lieben die Fotos in der Zeitschrift “Spiegel”, von denen wir hier haufenweise haben)
und ihre vielen Fragen zu beantworten, soweit ich kann. Außerdem sind die meisten Kinder total lieb und ich habe schon mehrere in mein Herz geschlossen.
Das geht ganz schnell.
So, gleich ist meine Zeit um, deswegen verabschiede ich mich für heute.
Bis bald, alles Liebe,
Ronja (die Kids sagen Vero zu mir !)


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Erfahrungsbericht von Max Billing

- die „Abenteuer“ des derzeitigen Rainbow-Zivildienstleistenden Ein kleiner Auszug aus dem Blog von Max Billing, zu finden
bei „Tagebuch“ unter www.max-solar.de.vu

Montag 23.April 2007 Kampala/ Uganda

Wenn ich auf meinen Kalender schaue dann nähert sich der Tag, an dem ich
nun schon seit einem halben Jahr in Afrika bin. Die Fragen nehmen auch zu:
„Wie geht’s dir denn?“ „Wie ist es?“ ...und man kann wirklich sagen, dass einem
mit jedem Tag neue Dinge bewusst werden. Dass man sich selbst dabei
zusehen kann, wie man dazulernt, ein bisschen reifer wird.
Als Freunde mir gesagt haben: „Wow! Ein Jahr danach kommst du bestimmt als reifer Mensch zurück, total verändert!“
konnte ich mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, wieso ich mich denn in den nächsten 12 Monaten großartig verändern sollte.
Und jetzt merke ich Tag für Tag, dass ich es wirklich tue. Nicht weil ich in Afrika bin und einem dort die Weisheit und Reife ganz
von alleine zufliegt wenn man nur seinen Fuß auf afrikanischen Boden setzt. Nein, sondern weil einfach alles
anders ist. Anders als das, was man gewohnt ist, anders als das was man die letzten 19 Jahre seines Lebens gesehen,
gefühlt und gelebt hat. Der Unterschied ist das was einen verändert.
Zum ersten Mal verlässt man alles und jeden den man kennt, für mehr als nur zwei Wochen Urlaub. Zum ersten Mal teilt man
sich 12 Monate lang ein Zimmer mit einem Menschen, den man noch nie zuvor gesehen hat. Zum ersten Mal ist man vollkommen
auf sich allein gestellt und lernt das, was einen wirklich wachsen lässt: „sich auf sich selbst zu verlassen.“
Gleichzeitig erlebt man eine neue Kultur, eine Kultur in der auch alles anders ist. Am Anfang ist es noch angenehm, man
freut über die Erfahrung, über das Abenteuer, das man gerade erlebt, aber mit der Zeit fängt man an, sich Gedanken zu machen und
genauer hinzusehen. Man lernt Entscheidungen zu treffen, sich seine eigene Meinung zu bilden und da man zwischen zwei Fronten steht,
kann man auch nicht einfach mit der Masse mitschwimmen.
Man übt hier und da Kritik an der Heimat, ärgert sich, dass dieses so und jenes ganz anders ist, freut sich über Kleinigkeiten, ärgert sich
über Ignoranz und lernt zu schätzen, was man finden wird, wenn man wieder nach Hause kommt. Und mit jeder Erfahrung, die man macht
wächst die Freude auf das, was einen in seinem Leben noch erwarten wird. Irgendwie hat man einen Hauch von Gewissheit, dass man andere
Augen haben wird für das, was man sonst vielleicht nicht sieht. Gleichzeitig ist man sich sicher,
dass man all die Schwierigkeiten, die einem das Leben in Europa noch bieten wird meistern wird. Denn man erlebt hier Tag für Tag,
dass die meisten Probleme gar nicht so groß sind wie sie scheinen.
Man hat jetzt die Gelassenheit, die einem zuhause so oft gefehlt hat. Man schaut vielleicht ein bisschen weniger auf die Uhr als sonst.
Wenn mal nicht alles nach Plan läuft, ist man sich doch irgendwo sicher, dass am Ende alles gut ausgehen wird. Denn in Afrika geht am
Ende eigentlich immer alles gut aus, egal wie es ausgeht. Und so lernt man zu leben anstatt zu existieren.
Wenn man dann aber wieder auf seine kleinen Probleme trifft, die hier doch immer wieder auf einen lauern, freut man sich auch ein kleines bisschen,
dass zuhause alles geregelt ist und man in Sicherheit lebt. Dass man Recht und Ordnung hat, die einen manchmal zwar ärgern können, über die man
sich am Ende dann aber doch freuen kann, weil Recht und Ordnung ja da sind, um uns alle zu beschützen. Und wenn man dann wieder zuhause ist,
dann hat man vielleicht etwas aus Afrika mitgebracht, dass einem noch viele gute Dienste erweisen kann. Das Wissen, dass nichts besser oder schlechter ist,
das Europa nicht besser ist als Afrika und Afrika nicht besser als Europa, dass Reichtum nicht besser ist als Armut und Armut nicht besser als Reichtum,
nicht schöner und nicht hässlicher, ..... einfach nur anders.

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